Ü b e r   e i n   K i n d ,   d a s   d a s   " B u c h   m i t   s i e b e n   S i e g e l n "   ö f f n e t



1972, im Alter von 4 Jahren, hat der Verfasser eine Methode entdeckt, die jenseitige Welt zu sehen.
Das war keine so große Leistung wie es scheinen mag, denn dafür gibt es offenbar ein "Programm": eine fixe Abfolge von mentalen Bildern. Die (so muss er annehmen, da er sich nicht für den "Auserwählten" hält) wird jedem angeboten, der unvoreingenommen und furchtlos genug ist.
Diese Erlebnisse haben ihn sehr geprägt und unter anderem dazu geführt, dass er Grafiker und später Videokünstler wurde.
Nicht nur die Abfolge von geometrischen Formen haben ihn damals davon überzeugt, dass es Bilder und Bewegungen gibt, die einen fundamentalen Einfluss auf unseren Geist haben können, sondern besonders was danach, am Punkt des Übergangs auf die andere Seite, kam, nämlich ein vibrierendes, geschichtetes, quaderförmiges Objekt, das man um 90 Grad rotieren musste (nach rechts, auf Latein "dextro").

43 Jahre lang hatte jeder, den er fragte, was das gewesen sein könnte, gesagt: "Albträume halt". Oder "Halluzinationen". Oder "milde epileptische Anfälle". Oder: "was Kinder halt so Seltsames erleben..."
Dass das alles nicht stimmte, wusste er immer, denn das "Programm" war ja bei jedem Durchlaufen exakt gleich gewesen. Welche Albträume bestehen denn aus den immer gleichen Sequenzen in der immer gleichen Reihenfolge? Und welche Halluzination hält sich an einen vorbestimmten Ablauf?
Erst 2015 erfuhr er, dass das Rotieren eines geschichteten Objekts um 90 Grad auch im Zentrum einer alt-ägyptischen Methode zum Verlassen des Körpers steht, die heute "Das große Buch öffnen" bzw. "Die sieben Siegel brechen" genannt wird.
Ist das ein Weg, die Schichten der Aura an einem Punkt zusammenzufassen und aufzubrechen?
Jedenfalls erblickt man verwobene Schichten, ähnlich Vorhängen aus Gaze (wenn auch ungleich komplexer strukturiert) den Blick auf die andere Welt freigeben.

Der Verfasser sieht darin eine natürliche Funktion unseres Geistes, wenn die auch ganz offensichtlich von einer höheren Intelligenz zur Verfügung gestellt wird. Denn das "Programm" war komplexer und raffinierter als es sich ein 4-jähriges Kind ausdenken könnte.
Er hat danach andere Techniken gefunden und diese eine nicht mehr weiter verfolgt (wenn man es überhaupt eine Technik nennen soll, und nicht eine Gnade). Die folgende Schilderung bezieht sich also auf Ereignisse, die über 40 Jahre zurückliegen. Sie ist darum, aber auch weil er weiß, dass Geheimgesellschaften solches Wissen heute für sich beanspruchen, lückenhaft.
Möge sie trotzdem manchen als Erklärung für seltsame Erlebnisse dienen, die sie selbst als Kind hatten, und den anderen als unterhaltsame Geschichte...


Das Kind soll früh zu Bett gehen und schlafen, oder zumindest still liegen und "versuchen zu schlafen".
Besonders im Sommer, wenn es abends noch hell ist, ist das aber schwer, denn dann hört es draußen eine von Leben erfüllte Welt, mit Vögeln, die zwitschern, Kindern, die spielen, und Autos, die zu bislang unerreichbaren Destinationen unterwegs sind. Dass das Kind sie nicht sehen kann, sondern nur hören, macht sie umso geheimnisvoller und damit anregender.
Um seinen regen Geist zu beruhigen beginnt das Kind, die Knöpfe der Bettdecke zu drehen, immer hin und her. Dabei macht es schmatzende Geräusche mit dem Speichel in seinem (geschlossenen) Mund.
Dieses "Knöpfe Gatschen", wie es bald in der Familie genannt wird, macht es fortan immer beim zu Bett gehen, sehr zum Missfallen der Mutter, die die auf diese Weise abgedrehten Knöpfe immer wieder annähen muss.
Manchmal geschieht beim "Knöpfe Gatschen" etwas Seltsames: wenn das Kind dabei einige Zeit die Augen geschlossen hatte und sie dann wieder öffnet, erscheint alles um es herum grünlich, und weit entfernt. Das Zimmer ist nun viel größer als sonst. Das Fenster, die Spielzeugkiste, aber auch sein Arm, wenn es ihn ausstreckt und betrachtet, erscheinen doppelt so weit weg.
"Ist ja interessant", denkt sich das Kind.
Doch dabei bleibt es nicht...
Das Hin- und Herdrehen der Knöpfe wird vor seinem geistigen Auge zu einer (liegenden) Achterschleife.
Das Kind beginnt diese Achterschleifen auch mit anderen Teilen seines Körpers zu vollführen: mit den Zehenspitzen, und vor allem mit der Hüfte (wobei es sie sich am unteren Ende der Wirbelsäule vorstellt).
Kleine Schleifen macht es da, anfangs immer relativ schnell, ca. eine pro Sekunde, dann langsamer werdend.
Dabei stellt sich die Vorstellung ein, dass die Bewegung behindert wird. (wie etwas, das in einer Buchse rotiert, geschmiert von einem Öl, das immer fester und zäher wird und dann stockt.) Sie wird nun sprunghaft, zuckend.
Das wird bald von ungewöhnlichen Körperwahrnehmungen begleitet, die von unerwarteten Unklarheiten geprägt sind:
wenn es sich nicht bewegt, kann das Kind dann mit Sicherheit sagen, dass sein Körper nicht völlig starr ist?
Kann es nicht, muss es erkennen.
Wenn sein Kopf, ohne sich zu bewegen, auf dem Polster ruht, könnte der dann nicht auch völlig hart sein, wie aus Eisen?
Ohne weiteres, ja...
Und was sieht man mit geschlossenen Augen? Alle sagen, man sähe dann nichts, aber das stimmt ja nicht, erkennt es.
Und was hört man in absoluter Stille? Auch nicht nichts, sondern einen hohen Ton...
Das Kind entdeckt, dass, wenn es die physisch ausgeführten Achterschleifen immer langsamer werden lässt, ihr gedankliches Gegenstück dann immer dominanter wird. (Muss der Wille zur Bewegung ausweichen, in eine andere Dimension?)
Was passiert am Punkt des (physischen) Stillstands?
Auf jeden Fall verändert sich (spätestens) dann etwas, z.B. mit seinen Fingern...
Sie sind dann nicht mehr homogen. Sie haben einen harten Kern und eine weiche Hülle.
Klar, da sind Knochen drin, das weiß das Kind schon. Aber das ist es nicht: der harte Kern wird in seiner Vorstellung (bei noch geöffneten Augen) immer dünner und immer härter. Und gleichzeitig wird die Hülle immer weiter und weicher, leerer.
Die Finger, und mit ihnen der ganze Körper, erscheinen nun wie aufgeblasen, und irgendwann gibt es keine äußere Abgrenzung im eigentlichen Sinn mehr, und der harte, fadendünne Kern ist nur noch was? Eine Absicht? Ein Wille? Eine Vorstellung? Dass da etwas ist, und nicht nichts?
Klar ist dem Kind, dass sein Wille den Kern kontrolliert, doch wie weit wirkt der nun?
Wieviel davon ist noch es selbst?
Alles?
Immer schon?
Faszinierend findet das Kind das. (die Auflösung der Illusion des Getrenntseins vom Ganzen...)
"Mehr davon sehen will", denkt es sich.
Und mehr sehen wird es...
Denn nachdem, in vielleicht 20 Minuten, verschiedene Aspekte dieser neuen Sichtweise auf seinen Körper und seine Identität (seine Abgrenzung) erkundet wurden, wird die nächste Phase eingeleitet, und die besteht aus einfachen, geometrischen und animierten Bildern, die das Kind mit nun geschlossenen Augen ganz deutlich und stabil vor sich sieht.
War die vorige Phase noch spielerisch, ohne feste Reihenfolge, konnte verzögert werden und wieder aufgenommen, wird das "Programm" an diesem Punkt straff: seine Abfolge ist nun fix, und an einen Zeitplan gebunden.
Durch seine Begeisterung für die ungewöhnlichen Körperwahrnehmungen hat das Kind seine Bereitschaft gezeigt, diesen Gedanken, dieses Prinzip zu vertiefen, und diese Vertiefung ermöglichen ihm die nun folgenden geometrischen Bilder mit solcher Effizienz und Präzision, wie sie, wie gesagt, unmöglich dem Gehirn eines 4-Jährigen entspringen können.
Diese Bilder, mit ihren Bewegungen darin, haben alle einen ähnlichen Inhalt, nämlich (japanischen Koans nicht unähnlich) lehrreiche Paradoxien.
Sie stehen da, eines nach dem anderen, in der immer selben Reihenfolge, so lange, bis das Kind sie verstanden hat.
Und jedes Mal sinkt es eine Stufe tiefer in diese Sichtweise. Und es fühlt sich tatsächlich, also auch körperlich, wie ein Absinken an. Irgendwann erkennt das Kind dann, dass es eigentlich einen halben Meter unter seinem Körper liegt, in einer dunklen Mulde.
Nachdem es das "Programm" einige Male durchlaufen hat (jeweils im Abstand von mehreren Tagen oder Wochen), weiß das Kind bereits: aus dieser Sequenz gibt es kein leichtes Aussteigen mehr. Und doch lässt es sich immer wieder aufs neue darauf ein, zutiefst fasziniert.
Zu keinem Zeitpunkt ist das "Programm" einem Traum ähnlich. Immer ist das Kind anfangs hellwach, und gleitet dann langsam in einen meditativen Zustand.
Der vertieft sich während der zweiten Phase stark. Nun hat das Kind die Augen geschlossen (den Blick dabei weit nach oben gerichtet), und kann nicht mehr einfach geweckt werden.

Eines der ersten in der Abfolge geometrischer Bilder zeigt zwei parallele, senkrechte Linien, auf denen sich jeweils ein Objekt bewegt, eines nach oben, das andere nach unten.
Es ist klar, dass die beiden nicht zusammenstoßen können, auf den parallelen "Schienen", an die sie gebunden sind. Und doch tun sie, am Punkt ihrer größten Annäherung aneinander, genau das: sie stoßen zusammen und zerstören sich dabei, nur um sich danach wieder auf ihren Bahnen voneinander fortzubewegen, als ob nichts geschehen wäre.
Wie kann das sein?
Diesen Widerspruch, oder man könnte sagen: die Gleichzeitigkeit und Gleichwertigkeit von verschiedenen, ja einander ausschließenden Möglichkeiten zu akzeptieren, darum geht es bei dieser Aufgabe. Um die Auflösung der Dualität...
(Eine Beschreibung weiterer Bilder unterbleibt hier. Nur so viel sei noch gesagt: bei einem geht es um ein Schachbrettmuster...)

Am Ende dieser "Übungen", dieses "Trainings", ist das Kind bereit. Sein Geist wurde mit der anderen Seite kompatibel gemacht, und so erscheint das Werkzeug, das ihm den Übergang ermöglichen soll, vor seinem inneren Auge:
ein (horizontal) geschichtetes Objekt, rechteckig (in der Aufsicht), und mit gewellten und vibrierenden Rändern, wie ein Stück (lebendige) Lasagne.
Das Kind betrachtet das Objekt. Es lässt sich ein wenig drehen.
Doch erst, als das Kind lernt das Objekt rasch um 90 Grad nach rechts zu rotieren, erfüllt es seine Aufgabe.
Nun durchdringt das Kind die Schichten, die mit dem Objekt verbunden sind (und über es hinausgehen). Ihre kompliziert verwobenen Strukturen bilden die "Faltungen" unserer Realität (ihre Bedingungen, ihre Logik). Sie zu passieren ist mit einem bestimmten Erregungszustand verbunden, mit einem Kribbeln in der Wirbelsäule, einem Vibrieren im Kopf.
Auf der anderen Seite erwartet das Kind eine neue Abfolge von Bildern, Gesichter vor allem. Die kommen in immer rascherer Abfolge auf es zu und sind von zunehmend lauter werdenden Geräuschen begleitet.
War der ganze Ablauf des "Programms" zu keiner Zeit mit irgendeiner negativen Emotion verbunden, bloß mit Neugier und Faszination, bekommt das Kind hier erstmals Angst.
Immer wieder begrüßt es die Einleitung des "Programms" und nimmt sich vor, diesmal weiter zu gehen, diesmal auszuhalten, und immer wieder gerät es in Panik und "strampelt sich in den Normalzustand zurück". (Eine Beschreibung von Ausnahmen unterbleibt hier.)
Denn da, auf der anderen Seite, spürt das Kind deutlich die Präsenz anderer Wesen.
Bis zum Übergang war das Programm eine private visuelle/gedankliche Erfahrung, die es in der Stille und Geborgenheit der elterlichen Wohnung machte, alleine.
Zwar ist schon an der Stelle mit dem geschichteten Objekt jemand zweiter zu spüren, doch der scheint eher wie ein Spiegelbild seiner selbst. Vertraut und wohlgesonnen blickt er ihm über die Schulter.
Nach dem Übergang aber weiß sich das Kind plötzlich unter Fremden...